Bahntickets per Handy zahlen: Mit Touch&Travel soll es bequemer werden

| 17. Oktober 2009 | 2 Comments

Die Bahn testet derzeit eine neue Methode für den Verkauf von Tickets über das Mobiltelefon. Unter der Bezeichnung Touch&Travel soll die Mobilität mit Bahnen und Bussen nun noch einfacher werden. Passendes Kleingeld für die Fahrkarte am Automaten oder langwieriges Studium von Tariftabellen können schon bald der Vergangenheit angehören. Touch&Travel soll das Fahren im Fern-, Nah- und Stadtverkehr so simpel, wie nie zuvor machen. Kinderleichte, flexible und komfortable Mobilitätsdienstleistungen aus einer Hand – egal ob Bus, Tram, U- oder S-Bahn, Regional Express oder ICE. Weil es dorthin aber noch ein weiter weg ist, testet die Bahn derzeit die neuen Möglichkeiten mit ausgewählten Testkunden. Wer sich für die neue Technologie interessiert und öfter mal mit der Bahn unterwegs ist, kann sich diesen Monat noch als Testkunde bewerben.

Mit Touch&Travel ist ein Standard für die Buchung und Abrechnung von Tickets für Bus und Bahn entwickelt worden. (Foto: Deutsche Bahn)

Mit Touch&Travel ist ein Standard für die Buchung und Abrechnung von Tickets für Bus und Bahn entwickelt worden. (Foto: Deutsche Bahn)

Seit 24. August 2006 haben Nutzer von internetfähigen Mobiltelefonen bereits die Möglichkeit sich die Fahrkarte per MMS auf ihr Handy übertragen zu lassen. Die Buchung ist ganz einfach: Der Kunde sucht sich die gewünschte Zugverbindung bequem zuhause oder unterwegs am Mobiltelefon aus, wählt die Zahlungsart – Kreditkarte oder Lastschriftverfahren – und sendet den Buchungswunsch bis spätestens zehn Minuten vor der Abfahrt des Zuges an das Buchungssystem der Bahn. Innerhalb weniger Minuten werden die Daten per MMS zugestellt. Das Handy-Display wird zur Fahrkarte, die der Zugbegleiter mit dem Scanner seines mobilen Terminals prüft.

Gut angenommen wurde auch die Ticketbestellmöglichkeit über das Internet. Hier wird der Kunde zum Schaltermitarbeiter und berät sich selbst. Aus eigener Erfahrung ist das aber oft kein rechter Zeitgewinn, insbesondere, wenn es mehrere Tarife gibt und man sich dann zu seinem bestmöglichen Ticket durchkämpfen muss.

Der Testbetrieb läuft in Phasen ab

Die Pilotstufe 1 hat Touch&Travel bereits erfolgreich absolviert. Seit Dezember 2008 läuft die Pilotstufe 2. Das Pilotgebiet wird stetig erweitert und die Testkundenanzahl erhöht. Touch&Travel ist in der Pilotstufe 1 im Pilotgebiet Berlin gestartet. Dieses Pilotgebiet umfasst den Fern -und Regionalverkehr zwischen Berlin und Hannover sowie den gesamten innerstädtischen Verkehr in Potsdam und das S-Bahn-Netz in Berlin.

Pilotstufe 1 noch mit Hilfsfahrkarte

In der Pilotstufe 1 hat Touch&Travel den Funktionstest mit mehr als 8.000 Fahrten der ersten 200 Testkunden erfolgreich absolviert. Die Testkunden haben das Verfahren auf Herz und Nieren geprüft, benötigten jedoch noch eine zusätzliche Fahrkarte, da der Betrieb  zunächst nur simuliert wurde. Die Ziele der Pilotstufe 1 in punkto Kundenzufriedenheit, Zuverlässigkeit der An- und Abmeldung  und Korrektheit der ermittelten Preise wurden durch die Marktforschung und die begleitenden Tests validiert.

Pilotstufe 2 jetzt ohne Zusatzfahrkarte

Im Dezember 2008 ist die Pilotstufe 2 gestartet, bei der die  Kunden Touch&Travel als anerkannten Fahrausweis nutzen können. Die getätigten Fahrten werden monatlich abgerechnet, wobei jede Einzelfahrt und der berechnete Fahrpreis einzeln aufgelistet wird. Bei mehreren Fahrten an ein und dem selben Tag werden diese zu Gunsten des Kunden als Tageskarte zusammengefasst.

Ein wesentliches Ziel der Pilotstufe 2 ist es, belastbare Erkenntnisse zur Kundenakzeptanz zu erhalten. Dazu wird die Teilnehmerzahl der Testkunden signifikant erhöht und durch eine umfassende Marktforschung begleitet. Den Testkunden steht neben einem Kundenbereich im Internet auch eine kostenfreie Service-Hotline zur Verfügung, um jederzeit Rückmeldung an das Projekt geben zu können.

Erweiterungen Pilotgebiet

Zusätzlich wurde im Frühjahr 2009 eine zweite Pilotstrecke in Schleswig Holstein gestartet. Auf der Strecke zwischen Kiel und Lübeck sowie im Eutiner Stadtgebiet wird die Praxistauglichkeit von Touch&Travel in einem engmaschigen Haltstellennetz und einem hohen Anteil an Busverkehr getestet. Hier erfolgen die Fahrten zunächst noch ohne reale Abrechnung.

Ab Oktober 2009 wird das Pilotgebiet Berlin um die Fernverkehrsstrecke nach Frankfurt/ Main über Hannover erweitert und ab Januar 2010 wird Touch&Travel im Rahmen des europäischen Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 u.a.mit Verbindungen nach Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen auf den Kulturhauptstadtraum im Ruhrgebiet ausgeweitet.

Die Technik

Wenn man Touch&Travel für eine Reise nutzt, wird das Hintergrundsystem der Bahn zweimal über Ihre Fahrt informiert: Beim Anmelden zu Fahrtbeginn und beim Abmelden am Ende der Reise. Aus den Daten, die dabei gesammelt werden – Anmeldepunkt, Kontrolldaten, Fahrzeit und Abmeldepunkt –, rekonstruiert das Hintergrundsystem die gefahrene Strecke sowie die benutzten Verkehrsmittel und ermittelt automatisch die Preise für jeden Reiseabschnitt. Anschließend erscheinen diese Daten in der monatlichen Abrechnung.

Near Field Communication (NFC) ermöglicht eine schnelle, kontaktlose und sichere Datenübertragung zwischen einem NFC-Handy und einem Kontaktpunkt, z. B. einem Touch&Travel-Touchpoint mit integriertem RFID-Chip (Radio Frequency Identification). Es erfolgt eine schnelle und gesicherte Verbindung zum Touch&Travel-Hintergrundsystem. Dabei werden die gleichen Mechanismen angewendet wie bei kontaktlosen Chipkarten, die man z.B. von Gebäudezugangssystemen kennt.

Die Touch Points sind die An- und Abmeldepunkte für den Fahrgast (Foto: Deutsche Bahn)

Die Touch Points sind die An- und Abmeldepunkte für den Fahrgast (Foto: Deutsche Bahn)

Das Handy kann dabei eine “aktive” Rolle einnehmen und Daten austauschen, z.B. eine Identifikationsnummer aus einem Touchpoint auslesen. Gleichzeitig kann das Handy auch “passiv” bleiben, Daten empfangen oder sicher abspeichern.

Es ist davon auszugehen, dass sich Handys mit NFC-Schnittstelle in Europa zeitnah auch in anderen Branchen, z.B. im Zahlungsverkehr im Einzelhandel, oder mit anderen Funktionsweisen etablieren werden. Prognosen zufolge ist bis zum Jahr 2010 mit einer Marktdurchdringung von ca. 50 Prozent NFC-fähiger Handys zu rechnen. Die Marktdurchdringung soll in den Folgejahren stetig zunehmen. In Japan und Korea ist die Akzeptanz in der Nutzung von NFC schon längst Realität.

Die NFC-Technologie basiert auf einer Kombination aus RFID* und drahtloser Verbindungstechnologie. Sie arbeitet in einem Frequenzbereich von 13,56 MHz und bietet eine Datenübertragungsrate von maximal 424 kBit/s bei einer Reichweite von nur wenigen Zentimetern. Die Parameter für NFC sind durch ISO 18092, ECMA 340 beziehungsweise ETSI TS 102 190 spezifiziert. Die Kommunikation zwischen NFC-fähigen Geräten kann im Gegensatz zur herkömmlichen RFID-Technologie (nur aktiv <-> passiv) in diesem Frequenzbereich sowohl aktiv <-> passiv als auch aktiv <-> aktiv sein.

Während der Testphase von Touch&Travel werden NFC-fähige Mobiltelefone der Firma Motorola eingesetzt. Das ist natürlich etwas wenig, hier sollte es zumindest eine kleine Auswahl an Geräten geben, denn nicht jeder mag die Menueführung bei Motorola.  Als Mobilfunk-Provider sind T-Mobile, Vodafone und jetzt auch O2 an Bord.

Kundenvorteile und Bahnvorteile

Das Touch&Travel Verfahren ist für die Kunden und die Bahn selbst ein Gewinn. Mit Touch&Travel ist der Kunde flexibel. Man meldet sich mit dem Mobiltelefon an, bevor man in den Bus oder die Bahn einsteigt. Ist man am Ziel angekommen, meldet man sich wieder ab.  Das Aufheben von Tickets und die Einzelabrechnung der Reisekosten entfällt, den man erhält nur einmal im Monat eine Gesamtrechnung. Das ist praktisch, gerade wenn man geschäftlich viel verreisen muss und keine Monats- oder Jahreskarte hat. So zahlt man einfach bargeldlos.

Ein weiterer Vorteil ist die Mobilität aus einer Hand: Mit Hilfe des Mobiltelefons kann man Bahn, Bus, S-Bahn, U-Bahn oder Tram nutzen. Es ist sinnvoll, hier nur ein System sozusagen als Standard anzubieten, denn sonst wäre die Verwirrung zu groß.

Die Bahn hat bei flächendeckender Einführung des Systems über die nächsten Jahre erhebliche Effizienzgewinne. Durch die automatisierte Funktion der Abrechnung wird weniger Personal benötigt, die Steuerung erfolgt über Zentralrechner und durch die digitale Übermittlung und den Wegfall des Fahrscheins wird weiter gespart. Die Kosten pro Ticket dürften durch Touch&Travel deutlich sinken. Wenn das Sparen der Bahn aber gleichzeitig auch einen Zeit- und Effizienzgewinn beim Kunden bringt, ist das ok.

Die Risiken

Liest man sich die Allgemeinen Geschäftsbedingen für Touch&Travel aufmerksam durch, so sieht man die Schwachpunkte des Systems: Wie bei vielen technischen Neuerungen ist auch bei Touch&Travel der größte Unsicherheitsfaktor der Nutzer selber. Vergisst er nämlich, sich am Touchpoint zu registrieren, bevor er die Fahrt antritt, ist er ein Schwarzfahrer. Sollten die Terminals durch Vandalismus zerstört sein oder sonst eine Störung auftreten, muss er sich am Automaten oder – sofern noch vorhanden am Schalter ein Ticket ziehen. Und auch beim Aussteigen ist der Fahrgast noch einmal gefordert. Vergisst er – zum Beispiel wegen eines Anrufs auf dem Handy das Auschecken, so soll der Fahrgast sich dann später per Anruf abmelden. Vergisst er das auch, so wird er unter Umständen doch noch zum Schwarzfahrer aus Sicht der Bahn. Das schreit förmlich nach einer Automatisierung, die natürlich schwierig ist. Denn wenn jemand am Bahnsteig steht, um jemanden abzuholen, darf das System nicht annehmen, dass die Person in den Zug eingestiegen ist – und selbst ein Touchpoint im Zug könnte sich irren, weil der vermeintliche Fahrgast nur die Koffer seiner Oma aus dem Zug geholt hat.

Ein anderer Punkt ist der Datenschutz. Während ich heute noch anonym und ohne Nennung meiner Daten einen Fahrschein kaufen kann (im Internet geht das natürlich nicht), so bin ich bei Touch&Travel ganz augenfällig ein gläserner Kunde. Die Bahn weiß ganz genau, wann ich wohin gefahren bin, aber das weiß auch jede Fluggesellschaft. Dennoch schreibt die Bahn, dass der Datenschutz voll gewährleistet wird.

Hier kann man sich als Testkunde anmelden Ich habe mich heute dafür angemeldet, weil ich neuen Entwicklungen positiv gegenüberstehe. Dazu musste ich einen Fragebogen ausfüllen, der mich zum Nutzungsverhalten öffentlicher Verkehrsmittel und zum Handyumgang befragte.

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Category: M-Business, M-Commerce

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  1. Apple offenbar vor Einstieg ins mobile Payment | M-Commerce-Blog.de | 17. August 2010
  1. admin sagt:

    Inzwischen bin ich als Testkunde angenommen worden. Nun beginnt als das Selbsterleben als Versuchskaninchen (ist hier durchaus positiv gemeint. Mal schauen, was passiert…

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